Im Mittelpunkt meiner Arbeit steht der Mensch – genauer gesagt der Moment, in dem ein Gesicht beginnt, etwas über sein Inneres zu erzählen.
Mich interessiert nicht in erster Linie, wer eine Figur ist, sondern was wir glauben, in ihr erkennen und fühlen zu können.
Kein Symbol, keine Form und kein Gegenstand vermittelt für mich so unmittelbar Gefühle wie das menschliche Gesicht.
Wir alle sind darin geübt, Gesichter zu lesen. Jeden Tag erfassen wir innerhalb von Sekunden unser Gegenüber und erkennen selbst feinste Veränderungen in Mimik und Ausdruck. Oft geschieht das, ohne dass wir uns dessen bewusst sind.
Genau diese menschliche Fähigkeit zur Empathie und Wahrnehmung interessiert mich in meiner Arbeit. Meine Figuren laden den Betrachter dazu ein, selbst zum Beobachter zu werden.
Die entscheidende Frage ist dabei nicht:
Wer ist dieser Mensch?
Sondern:
Was fühlt dieser Mensch?
Meine Arbeitsweise bezeichne ich für mich als „Micro Sculpting“.
Am Anfang einer Skulptur verarbeite ich oft viele Kilogramm Ton. Die Figur entsteht zunächst aus Masse, Volumen und groben Formen. Doch je weiter die Arbeit fortschreitet, desto kleiner werden die Eingriffe. Am Ende arbeite ich nicht mehr im Kilogramm-, sondern im Grammbereich.
Dabei verblüfft mich immer wieder, wie wenig Material notwendig ist, um einen Ausdruck grundlegend zu verändern.
Eine minimale Verschiebung am Mundwinkel, an einem Augenlid oder an einer Wange kann eine Emotion entstehen lassen, verstärken, verändern – oder vollständig zerstören.
In diesen letzten, kleinsten Veränderungen entscheidet sich für mich, ob eine Figur beginnt, etwas zu erzählen.
Ton gehört zu den ältesten Werkstoffen, die der Mensch gestaltet – und für mich zugleich zu den faszinierendsten.
Seine Vielseitigkeit ist außergewöhnlich. Abhängig von seinem Feuchtigkeitsgrad kann Ton gegossen, modelliert, geknetet, gewalzt, geschnitten, geschabt und schließlich geschliffen werden. Während des Arbeitsprozesses verändert das Material fortwährend seine Eigenschaften.
Diese unterschiedlichen Zustände bestimmen auch den Rhythmus meiner Arbeit. Ton lässt sich nicht beliebig beschleunigen. Manchmal muss ich Stunden warten, bis er genau die richtige Festigkeit erreicht hat, um weiterarbeiten zu können.
Das Material verlangt Geduld – und setzt dem Gestalter seine eigenen Grenzen.
Mit dem Brand verändert sich der Charakter des Materials endgültig: Aus der formbaren Masse wird ein dauerhaftes Objekt.
Eine weitere Dimension eröffnet für mich die Glasur. Mit ihr kommt Farbe ins Spiel. Oberfläche, Glanz, Mattheit, Transparenz und Farbwirkung verändern die Wahrnehmung einer Figur und können ihren Ausdruck unterstützen oder ihm bewusst entgegenwirken.
So entsteht aus einem der ältesten Werkstoffe der Menschheit ein nahezu unbegrenzter Kosmos aus Form, Oberfläche, Farbe und Emotion.
Manchmal kommt mir der Gedanke, Ton müsse geradezu für die menschliche Hand gemacht worden sein. Wie sonst lässt sich erklären, dass ein natürliches Material so viele Eigenschaften in sich vereint, die das Formen ermöglichen?
Er gibt nach und leistet Widerstand. Er lässt sich aufbauen und wieder wegnehmen, glätten und verletzen, formen und verformen. Er bewahrt jede Berührung, jeden Druck, jede Spur der Hand.
Vielleicht fasziniert mich Ton gerade deshalb so sehr: Kaum ein anderes Material macht die unmittelbare Verbindung zwischen Hand, Material und menschlichem Ausdruck so sichtbar.